Kinder, die abends gern ins Bett gehen sind wohl selten wie
ein Volltreffer im Lotto. Aber selbst wenn der eigene Sprößling von einem Tag zum
anderen abends brav und ohne jeden Aufstand ins eigene Bettchen klettern würde, drängte
sich doch bald die bange Frage auf, ob mit ihm irgendetwas nicht stimmt ...
Also nehmen wir die Kleinen lieber so, wie sie nun einmal aufgrund ihres jeweiligen
Entwicklungsstandes sind, nehmen ihre Ängste und Sorgen ernst - und helfen ihnen beim
"cool-down" von einem erlebnisreichen Tag in eine (für alle Beteiligten)
entspannende Nacht.
Ein seit tausenden von Jahren probates Mittel dazu sind Gute-Nacht-Geschichten. Kaum etwas
anderes kann um diese Zeit so schön beruhigen und ablenken. Denn Ablenken ist besonders
wichtig.
Schon Kleinkinder neigen nämlich wie Erwachsene dazu, abends über das am Tag
Erlebte nachzugrübeln. Dabei liegt es in der Natur der Dinge, daß sich unerfreuliche
Ereignisse noch einmal besonders aufdrängen. Schöne Erlebnisse dagegen werden von den
negativ empfundenen meist verdrängt. Nicht selten können dann beim Grübeln in die Nacht
aus relativ unwichtigen Erfahrungen unnötige aber von den Kleinen als ernst und
bedrohlich empfundene Sorgen und Ängste wachsen. Aus einem arglosen kleinen Hund, der das
Kind tagsüber auf dem Spielplatz erschreckte wird schnell ein grünäugiges Monster auf
dem Kleiderschrank - aus Tante Lores zubeißenden Wellensittich ein zähnefletschendes
Krokodil unter dem Bettchen. An solchen Spuk im Kinderzimmer erinnern sich die Kleinen
natürlich spätestens dann, wenn sie am nächsten Abend wieder zu Bett sollen - und dann
ist Angst die natürliche Folge.
Also gilt es, den düsteren Gedanken etwas entgegenzusetzen und den Kindern etwas
Freundliches, Heiteres mit in den Schlaf zu geben. Am besten etwas, von dem sie - wenn
Mami aus dem Zimmer ist - noch lächelnd ihrem Kuscheltier erzählen können, während sie
in den Schlaf fallen.
Günstig sind kurze Geschichten, die sich in 10-15 Minuten erzählen oder Vorlesen
lassen - und wenn es dabei etwas zu sehen gibt. In allen guten Buchhandlungen sind
zahlreiche Kinder- bzw. Bilderbücher zu finden, deren Inhalte sich gut zum gemeinsamen
Ansehen eignen. Achten Sie aber schon bei der Auswahl auf heitere, helle Bilder, wenn Sie
sie als Gute-Nacht-Geschichten verwenden möchten. Geschichten, die an sonnigen Tagen auf
Blumenwiesen spielen sind immer besser als "Regengeschichten" oder solche, die
Abends oder Nachts spielen. Denken Sie daran, daß Märchen die Kleinen schnell ängstigen
können - auch wenn wir Erwachsenen das manchmal gar nicht so empfinden. Überflüssig zu
sagen, daß Gute-Nacht-Geschichten ein Happy End haben müssen.
Besser als alle Bücher sind aber selbsterfundene
Geschichten. Dabei kommt es viel weniger auf die Qualität des Inhaltes als vielmehr auf
die Liebe an, mit der sie erzählt werden. Versuchen Sie`s mal - es gibt kein größeres
Kompliment für Ihre Phantasie als die großen Augen Ihres Kindes, die an ihren Lippen
hängen. Solche Geschichten regen auch die Phantasie der Kleinen an, weil sie sich die
Bilder dazu selber denken - farbenfrohe Regenbögen und tanzende, rotnasige Teddys im
Dauerlutscherland gleich hinter den sieben Puddingbergen, eine lachende Sonne über
Schmetterlingen, die sich auf bunten Blumen vom Zwergenkönig erzählen ...
Nach ganz normalen "Startschwierigkeiten" ( auch
Meistererzähler fallen natürlich nicht vom Himmel ) werden Sie merken, wie sich Ihre
Phantasie in diese Richtung entwickelt und welchen Spaß Geschichtenerfinden machen kann.
Am besten schreiben Sie sie auf und erzählen sie dann abends frei. Mit ein bißchen
Übung "gelingen" bald die ersten "Klassiker", die Ihr Kind immer
wieder hören möchte. Den Kleinen ist es nämlich völlig egal, ob sie eine Geschichte
schon einmal gehört haben - im Gegenteil: Oft verlangen sie gerade nach solchen, die sie
längst in- und auswendig kennen. Besondere Freude macht es dann, wenn sich Mami in einem
Detail "irrt" und man sie verbessern kann ( "Mami ... der Zwerg, der in der
Windmühle an dem Bach wohnt, hat rote Haare - nicht blaue !" ).
Mit noch ein bißchen mehr Übung kann man die Handlungen
in den Geschichten feiner auf die Erlebniswelt des Kindes abstimmen und mit etwas Geschick
sogar die eine oder andere positive Verhaltensweise spielerisch vermitteln, die sich dann
im Schlaf vertieft.
Mindestens ebenso wichtig wie die Geschichte selbst ist aber die abendliche Nähe
zu Mutter oder Vater. Schmusen und sich beim Zuhören ankuscheln können geben das
Gefühl, beschützt und geborgen zu sein. Kinder spüren genau, wenn Mami oder Papi sich
die Zeit gerne nehmen, um am Ende des Tages noch einmal nur für sie allein dazusein und
genießen solche Momente sehr.
Aber auch das Drumherum im Kinderzimmer ist wichtig für
eine gute Nacht. Das Bettchen sollte ein Ort der Geborgenheit sein - kleine Dinge wie z.B.
ein Nachtlicht statt tiefe Dunkelheit, ein duftiger Betthimmel, lustige Bettwäsche und
die Lieblingsschmusetiere tragen schon viel dazu bei.
Und nicht vergessen: Gute-Nacht-Geschichten taugen nie
dazu, sie "zur Strafe" auszusetzen oder mit dem Aussetzen zu drohen. Kinder
würden den Sinn dieser Maßnahme nicht begreifen und als Liebesentzug werten, den sie
beim besten Willen nicht verstehen. Im Zwiespalt mit den Eltern zu Bett gehen zu müssen,
kann ihr seelisches Gleichgewicht stark beeinträchtigen. Spätestens am Abend vor dem
Schlafengehen sollte für die Kleinen deshalb immer "alles wieder gut" sein und
jeder Ärger einem dicken Kuß weichen.
Karin Heite |